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Liebe Leserin, lieber Leser, chers amis, drodzy Przyjaciele,

die deutsche Justiz ist überlastet. Verwaltungsgerichte können die explosionsartig angestiegenen Asylverfahren nicht bearbeiten, Prozesse werden immer wieder aufgeschoben und dann beendet, weil inzwischen die Angelegenheit "verjährt" ist. Aber eine funktionierende Justiz ist ein Grundpfeiler unserer Demokratie und beispielsweise im Kampf gegen den Terror essentiell. Sie sollte uns Bürgern das Gefühl vermitteln, dass unsere Rechte gewahrt und beschützt werden. Eine große Verantwortung. Der in Deutschland nicht immer entsprochen wurde. Denn blickt man weniger als 100 Jahre zurück, zeigt sich ein großer Vertrauensbruch. Wir fragen daher beim Rendez-vous, wie es dazu kam, untersuchen die Rolle des Rechts und der Juristen in der NS-Zeit und blicken auch auf die Nachkriegsgeschichte und die Bewältigung dieses "Erbes". Und auf die Verantwortung, die jeder einzelne Jurist gegenüber der Gesellschaft hat. Lesen Sie dazu unser Interview mit Prof. Dr. Johann Chapoutot.


Herzlich
Ihre 
Franka Günther


INTERVIEW mit Prof. Dr. Johann Chapoutot 
Prof. Dr. Johann Chapoutot ist Professor an der Universität Sorbonne nouvelle Paris III und seit 2011 Mitglied des Institut Universitaire de France. Er ist Zeithistoriker und forscht multidisziplinär auf dem Gebiet der politischen und kulturellen Geschichte, sein wissenschaftliches Hauptthema ist der Nationalsozialismus und die deutsche Zeitgeschichte. Er ist Sprecher des wissenschaftlichen Beirates des Weimarer Rendez-vous mit der Geschichte.
Sie sprechen beim Rendez-vous zu (UN)RECHT UND VERANTWORTUNG - Juristen im Nationalsozialismus. Inwieweit haben juristische Vordenker wie Carl Schmitt zum Aufstieg Hitlers beigetragen?
Carl Schmitt wird oft erwähnt, aber er ist nicht der einzige - und schon gar nicht der "beste" Nazi... Die Fachschaft der Juristen war in der Weimarer Republik mehrheitlich konservativ und nationalistisch eingestellt. Die "linken" Juristen waren die Minderheit, aus vielerlei Gründen: um zu studieren, musste man vor fast einem Jahrhundert zu den Wohlhabenden gehören; als Student war man durch die und in den Brüderschaften sozialisiert, und diese waren überwiegend nationalkonservativ. Die Professoren waren Figuren des Ancien Regime, des Kaiserreiches (…)

Wie ist die Rolle der Juristen insgesamt einzuschätzen – willige Vollstrecker oder in Einzelfällen Bewahrer des Rechts?
Die Juristen sind, mit den Ärzten und den Archäologen, die Körperschaft, die am meisten für die Nazis gestimmt hat, und am zahlreichsten in der NSDAP vertreten war. Die Juristen haben der NSDAP Kader und Kompetenz angeboten, als sie auf der Suche nach Professionalität und Respektabilität war. Die Juristen lieferten beides. Nach 1933 kam eine zweite Welle von Sympathisanten und Militanten: Die "alten Kämpfer" nannten sie spöttisch die "Märzgefallenen", also die im März 1933 eilig Hinzugekommenen, aus opportunistischen Gründen. Tatsache bleibt, dass zwischen der Mehrheit der Juristen und den Nazis beste Stimmung herrschte: Sie teilten Nationalismus, Antikommunismus, Rassismus und Antisemitismus, sowohl den Willen, Deutschland zu rehabilitieren, "Versailles" zu zerfetzen und die "Nation", oder die "Rasse" zu reinigen und wieder stark zu machen. (…)

Wie wurde diese Tradition gebrochen?
Langsam, aber sicher. Mit der Zeit und dem Wechsel der Generationen. An deutschen Universitäten war es ganz klar: Bis zu den 1980ern herrschte eine rührende Stille über die Karrieren der Herren Professoren zwischen, zum Beispiel, 1933 und 1945. In den 1990er Jahren fing man an, zu dieser Zeit zu forschen. Die Alten waren Rentner. (...)

Gibt es einen autoritären Reflex in der deutschen Rechtsprechung oder gehört das der Vergangenheit an?
Von Frankreich aus gesehen ist das deutsche Rechtssystem beispielhaft. Nirgendwo auf der Welt werden die Rechte des Einzelnen so sehr bewahrt wie in Deutschland. Hinzu kommt, dass die deutschen Gefängnisse nicht überfüllt sind wie in Frankreich: An die 25 000 Insassen hierzulande gegen fast 70 000 in Frankreich. Es kommt daher, dass man in Deutschland andere Wege der Strafe und der Rehabilitierung hat - und für die Insassen spielt das Gefängnis – mehr als in Frankreich – die Rolle einer zweiten Schule. Die Rückfallquote ist bei uns leider viel, viel höher als hier. Meine Frau ist Richterin und ist sich dessen so bewusst wie ich. Sie kennt auch Deutschland ganz gut und lernt viel von dem deutschen System. Wir haben auf diesem Gebiet wie auf dem Gebiet der Politik viel zu lernen: das viel gepriesene "deutsche Modell" ist nicht Agenda 2010 oder Hartz IV... sondern "Recht und Freiheit", wie die Bundeshymne es schön sagt.

Wer kann sich vor Gericht Augenhöhe leisten?
Diese Frage impliziert eine andere: die des Zugangs zum Recht, und die der Gleichheit vor dem Recht. Geld, Wissen, Netzwerk helfen viel zu viel in solchen Sachen. Auch die Weise wie man spricht, wie man sich anzieht und verhält... Die Richter gehören einer spezifischen Schicht der Bevölkerung, und neigen dazu, die Mitglieder dieser Schicht anders zu betrachten. Ich kann aber zeugen dass sie sich hart anstrengen, jeden Angeklagten, sowie jedes Opfer zu verstehen und gleich zu behandeln. Das Amt des Richters, wie das Amt des Professoren oder des Polizisten, fordert viel Takt, Mitgefühl und Autorität. Diese Leute sollen – vielleicht noch mehr andere – tadellos und beispielhaft sein. Sie geben sich Mühe.

Herzlichen Dank für das Interview. Eine ausführliche Version finden Sie hier ...

DREI HIGHLIGHTS

(UN)RECHT UND VERANTWORTUNG  - Juristen im Nationalsozialismus 
11.11. | 16:00 Uhr | Eckermann-Buchhandlung
Prof. Dr. Johann Chapoutot (Paris), Prof. Dr. Olivier Jouanjan (Paris), Dr. Michael Löffelsender (Weimar)
„Furchtbare Juristen“ fanden sich in den Jahren der NS-Diktatur überall: Als Strafrichter und Staatsanwälte zeichneten sie verantwortlich für drakonische Urteilssprüche und Tausende Todesurteile. Wie lässt sich solch ein Erbe bewältigen?


EIN DEUTSCHES LEBEN
11.11. | 19 Uhr | Notenbank Weimar
Daniel Gaede (Weimar) im Gespräch mit Olaf S. Müller (Berlin)
Brunhilde Pomsel war Stenotypistin und Sekretärin Joseph Goebbels. Als 103 jährige, hellwache Dame blickt sie auf ihre Vergangenheit zurück. Film und Gespräch.


WIEVIEL SCHEITERN VERTRÄGT DIE HOFFNUNG? "Ô MA MÉMOIRE. GEDICHTE, DIE MIR UNENTBEHRLICH SIND"
12.11. | 20 Uhr | Notenbank Weimar
Dr. Michael Kogon (Füllinsdorf, Schweiz), NN
Moderation: Fritz von Klinggräff (Genf)
Mitwirkende: Regine und Detlef Heintze lesen die von Dr. Michael Kogon ausgewählten Gedichte von Stéphane Hessel, Silke Gonska (Gesang) & Frieder W. Bergner (Tuba, Posaune), Jugendchor der schola cantorum weimar (Leitung: Cordula Fischer)
Musik, Poesie, Geschichte: Wieder einmal geht eine Veranstaltung des Weimarer Rendez-vous über “rein” Geschichtliches weit hinaus. Der Anlass: der 100. Geburtstags Stéphane Hessels.

PS: Am Mittwoch geht es schon los ! Erste Veranstaltung:  
ICH DEUTSCH. DIE NEUE LEITKULTUR
8.11. | 19 Uhr | Eckermann Buchhandlung
Raed Saleh (Berlin) im Gespräch mit Gerlinde Sommer (Weimar)

zum kompletten Programm 



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