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Liebe Freundinnen und Freunde des Weimarer Rendez-vous, 

wie immer befasst sich das Festival nicht nur mit historischen, sondern auch mit ganz aktuellen politischen Problemen. Auch dieses Jahr widmen sich einige Panels dem so bestechend brisanten Thema der Zukunft Europas. Europa in der Krise, der Zusammenhalt bröckelt. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht auf die schwierige politische Lage der Europäischen Union hingewiesen wird. Und Europa scheint von einer Vielzahl von Krisen geprägt: von der Flüchtlingskrise mit der Kernfrage, ob sich die Länder endlich auf einen Verteilungsschlüssel einigen werden, von der Brexitkrise und der Frage, ob Großbritannien nun endlich den Ausstieg schafft oder ob es in eine weitere Verlängerung geht und nicht zuletzt auch von einer sich immer stärker herauskristallisierenden Vertrauenskrise in die Demokratie, die sich in zunehmenden europaweiten nationalpopulistischen Bewegungen widerspiegelt. Befindet sich Europa im Umbruch? Wird die Union als Gemeinschaft diese Krisen bewältigen können oder ist sie in Gefahr, auseinander zu brechen? Oder bieten sie nicht vielleicht eine Form der Veränderung und Neuorientierung? Diesen und weiteren Fragen geht u.a. die Podiumsdiskussion Renaissance Europa. (Was) hält Europa noch zusammen? nach, die in Kooperation mit der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft stattfindet. Zugleich präsentiert diese Veranstaltung das dreibändige Großwerk "Europa" erstmals in deutscher Sprache, das Essays von 133 führenden Historikern und Intellektuellen versammelt und eine Standortbestimmung Europas darstellt. 
Kommen Sie und diskutieren Sie diese und andere Fragen mit uns!

Herzlich
Ihre 
Franka Günther


Renaissance Europa
(Was) hält Europa noch zusammen?
2. November, 20 Uhr – Notenbank Weimar
Prof. Dr. Etienne François (Berlin), Prof. Dr. Marek Cichocki (Warschau), Prof. Dr. Teresa Pinheiro (Chemnitz)
Moderation: Prof. Dr. Thomas Serrier (Lille)
in Kooperation mit der wbg

Europa ist seit Jahrhunderten ein unglaublich reicher Kulturraum, der in der Welt vielfach bewundert wird, selbst fühlt es sich jedoch in einer Krise. Obwohl West-, Mittel-, Ost-, Nord- und Südeuropa heute zunehmend als ein gemeinsamer Raum erlebt werden, scheint Europa von einer Rückkehr der Partikularismen und alter Grenzen bedroht zu sein. Dies hat viel mit dem starken Einfluss der Erinnerungen zu tun: Die verschiedenen sprachlichen und auf einer gemeinsamen Erinnerung und Kultur basierenden Gemeinschaften werden heute eher als trennend denn als verbindend wahrgenommen. Wird Europa zerbröckeln, bevor es überhaupt „richtig“ entstanden ist? Lässt sich seine Geschichte vor dem Hintergrund dieser Unterschiede jemals in eine gemeinsame Erzählung fassen?


 Interview mit Prof. Dr. Thomas Serrier

Thomas Serrier, Historiker und Kulturwissenschaftler, ist seit 2017 Professor an der Universität Lille und war 2018-2019 Fellow am Institute of Advanced Study in Nantes. Er war davor Dozent an der Universität Paris 8, Forscher an der Stiftung Genshagen und 2007-2017 französischer Gastprofessor an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt(Oder). Zu seinen Forschungsgebieten gehören die europäischen Grenzregionen, europäische Erinnerungskulturen, die deutsch-polnische Beziehungsgeschichte im 19.-20. Jahrhundert und das Werk Günter Grass'. Mit Etienne Francois hat er den Band "Europa. Notre histoire" (Paris, 2017) geleitet, der in diesem Herbst auf Deutsch erscheint).

Teil des Podiums Renaissance Europa. (Was) hält Europa noch zusammen?, welches im Rahmen des Weimarer Rendez-vous mit der Geschichte am 02.11.2019 in Weimar stattfindet, ist ebenfalls die Präsentation des dreibändigen Großwerks Europa. Die Gegenwart unserer Geschichte in deutscher Sprache, mit 133 Artikeln internationaler Autoren. Wie kam dieses Großprojekt zustande?

Danke für: „das Großwerk“, aber es ging nicht anders! Sowohl die Internationalität der Autorenschaft als auch die Breite des thematischen Spektrums und die damit einhergehende Mehrperspektivität waren Grundbedingungen für das Unternehmen. Die Frage lautete: Gibt es für Europa „Kristallisationspunkte“ der Identitäten, die, aus der Geschichte hergeleitet, für das soziale Handeln von heute noch relevant sind? Wichtig ist, dass wir tagtäglich die „Gegenwart unserer Geschichte“ beobachten. Das Gestern lässt in unseren heutigen Debatten eigentlich ständig grüßen und bestimmt somit nicht unwesentlich die Politik von morgen. Es lohnt sich also, näher hinzuschauen.

Sie sprechen in Ihrer Einleitung als (einer) der Herausgeber u. a. von drei Zielen des Buches: Europa neu denken, Europa in seiner zeitlichen Ausdehnung denken und Europa gemeinsam denken?

Genau. Unser Ziel war der europäische Vergleich, also die Frage: Gibt es denn gesamteuropäische Trends im Umgang mit der Geschichte? Oder dominieren die Unterschiede? Und wie zeigt man, dass europäische Erinnerungen immer zugleich „gemeinsame Erinnerungen“ und „geteilte Erinnerungen“ sind, „gemeinsam“, weil ihnen dieselben geschichtlichen Kapitel zu Grunde liegen, und „geteilt“, weil die Interpretationen nicht selten diametral entgegengesetzt sind. „Europa neu denken“ heißt für uns, „entlang den inneren Gräben“ zu wandern, um Missverständnissen und Zerwürfnissen auf die Spur zu kommen. Und das kann nur „gemeinsam“ mit Blick auf Langzeitentwicklungen geschehen. Die gegenwartsbezogene „Nutzung“ der Geschichte ist ja nicht von heute oder gestern!

In der heutigen Debatte, was haben die Europäer für ein Verständnis von Europa?

Meines Erachtens muss man hier unbedingt den Plural benutzen. Seit Jahren sind die Zeitungen voll von den Gegensätzen in der Art und Weise, wie zum Beispiel „Brüssel“ in Rom, Paris, Budapest, Berlin und Brüssel selbst wahrgenommen wird. Um bei der EU zu verbleiben: Die Polarisierung zwischen „remainers“ und „brexiters“ in England ist sicherlich aktuell das extremste Beispiel! Es gibt viele Untersuchungen zu der Vielfalt von Verständnissen von Europa, die häufig einen historischen Hintergrund haben. Nichtsdestotrotz bleiben Wohlstand, Frieden, Rechtstaatlichkeit und Sozialstaat die wichtigsten Merkmale, auch wenn sie derzeit in den subjektiven Wahrnehmungen nur halbwegs erfüllte Erwartungen darstellen. Nun beherrscht seit Jahren das Aufkommen „identitärer“ Ängste die Berichterstattung.

Welche Rolle spielt dabei die Geschichte?

Wie man sieht, eine ganz zentrale! Uns geht es nicht primär um „die“ Geschichte, sondern um unseren Umgang mit der Geschichte: was wir kollektiv mit der Vergangenheit „fabrizieren“. Allein die Betonung auf das Gemeinsame oder Trennende ist in höchstem Grad ein Politikum.

Europa gemeinsam denken? Bedenkt man die Rückbesinnung der Länder auf sich selbst, scheint das Gemeinsame eher in den Hintergrund zu rücken. Europa bröckelt. Europa in der Krise. Mal anders gefragt, was hält Europa im Moment eigentlich noch zusammen? Oder muss die Gemeinschaft Europa neu gedacht werden?

Sie haben zweimal Recht: Der Rückzug ist unübersehbar. Aber die Krise Europas, die ja vor allem eine Sinnkrise Europas ist, zwingt uns demgegenüber, alte, nicht mehr glaubwürdige Narrative kritisch zu überdenken. „Europa gemeinsam denken“, heißt ja nicht, dass dabei das Gemeinsame künstlich forciert wird. Umgekehrt: gemeinsam, das bedeutet für uns: im Wechsel der Perspektiven und mit Gespür für Differenz. Das, wie auch der Blick auf Nachbarräume und auf globale Dimensionen, soll helfen, die Differenzen nicht nur zu respektieren, sondern in Zukunft vielleicht fruchtvoll und „operativ“ im Sinne der Gemeinschaft einzusetzen.

Das gesamte Interview lesen sie hier! 

WEITERE HIGHLIGHTS

Sehnsucht nach dem "Kommunismus"?
2. November, 13 Uhr – Eckermann-Buchhandlung
Dr. Thomas Ahbe (Leipzig), Dr. Anke Giesen (Berlin), Dr. Nicolas Moll (Sarajevo)
Moderation: Prof. Dr. Rainer Gries (Weimar/Wien)

Braucht die parlamentarische Demokratie eine Erneuerung?
2. November, 15 Uhr – Eckermann-Buchhandlung
Prof. Dr. Michael Dreyer (Jena), Dr. Ossip Fürnberg (Jena), Dr. Tim Niendorf (Jena)
Moderation: Dr. Andreas Braune (Jena)

Renaissance von Religiosität
3. November, 16 Uhr – Eckermann-Buchhandlung
Dr. Sebastian Kranich (Neudietendorf), Prof. Dr. Christiane Kuller (Erfurt), Prof. Sylvie Toscer-Angot (Paris), Moderation: Prof. Dr. Jörg Rüpke (Erfurt)

zum kompletten Programm 



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